Marie Luise Kaschnitz – Steht noch dahin. Betrachtungen

Nach soviel Frohsinns-Literatur, Lebensbejahungen und Humoristik in unserer Bücherreihe nun herrlich kurzweilige, in Ansätzen teils morbide Prosa-Poesie.

 

Was hat es damit auf sich?

Das Buch ist eine emotionale Reise in die 70er Jahre, eine traurige Weltkritik, eine poetische Schulung für kritische Augen, ein Hieb gegen die bürgerliche Doppelmoral, manches Mal subtil schmerzvoll, vereinzelt unerträglich abgeklärt.

 

Der erste Satz:

„Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden, ob wir eines natürlichen Todes sterben, ob wir nicht wieder hungern, die Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen, ob wir getrieben werden in Rudeln, wir habens gesehen.“

 

Für wen?

Depressiv verstimmte Gesellschaftskritiker

ab 17 für das ganze Leben

 

Die Autorin Marie Luise Freifrau von Kaschnitz-Weinberg:

Beim einzelnen Leser vielleicht wegen einer Schulgedichtsinterpretation in Verruf geraten, wurde 1901 in Karlsruhe geboren, starb im Oktober 1974 in Rom. Das Prosa-Werk „Steht noch dahin“ war die vorletzte Veröffentlichung zu Lebzeiten der Autorin.

 

Warum wir es lesen sollten:

Einblick in eine Zeit, die nicht die Unsere ist, aber deren emotionale Empfindung, deren Ich- und Gesellschaftsproblematiken auch heute greifbar sind.

 

Lieblingszitat:

„Eingedellte Verkehrsschilder, löchrige Säcke, schrottreifes Autozubehör, verrostete Kanister, verbogene Heizungsröhren, geplatzter Asphalt. Ich wundere mich nicht daß in dieser sauberen wohlaufgebauten Stadt gerade solche Dinge den Malern in die Augen fallen. Es kommt mir aber darüber etwas in den Sinn. Ich erinnere mich an die Zeichnungen einer Schulklasse aus dem Taunus, die man nach der Zerstörung der Stadt Frankfurt in das verwüstete Zentrum geführt und der man die Aufgabe gestellt hatte, ihre Eindrücke nach eigenem Ermessen wiederzugeben. Auf den Blättern dieser Kinder, die nichts als Schrott, Brandschutt und Ruinen gesehen hatten, standen alle Häuser aufrecht bis zum Gesims, schwangen die zerstörten Brücken sich unversehrt von Ufer zu Ufer, erhoben sich die zerfetzten Bäume makellos in vollem Laub.“

S.66

©Insel Verlag, Frankfurt am Main 1970

insel taschenbuch 1. Auflage 1995

 

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