Die Freiheit des Surfens

Es ist Montagmorgen und der Tag verspricht sonnig und warm zu werden. Noch ist es aber frisch im Englischen Garten und der Eisbach macht temperaturtechnisch seinem Namen alle Ehre. Trotzdem sind auch heute wieder Surfer an der stehenden Welle anzutreffen.

Einer dieser Sportbegeisterten ist Manuel Stecher. Er kommt extra aus dem Allgäu, um sich hier in die Fluten zu stürzen. Auf einem der beiden Podeste, die am Rande des Baches angebracht sind, stellt er seine Sachen hab. Wenn viel los ist, stehen die Rücksäcke Seite an Seite neben Trinkflaschen, Kaffeebechern und Brotzeitboxen. Hier versammeln sich Surfer aller Generationen und gehen einer gemeinsamen Freizeitbeschäftigung nach, die eigentlich viel mehr ist, als nur das. „Auf dem Brett zu stehen und zu surfen ist für mich Freiheit!“, sagt Manuel „man kann abschalten und den Kopf frei bekommen“. Das spiegelt auch das Lebensgefühl der Surfer wieder. Es geht oberrangig um den Spaß, die Freiheit und nicht um Konkurrenz. Schließlich kennt man sich, scherzt miteinander und hat Freundschaften geschlossen. Sogar gemeinsame Surf-Urlaube werden unternommen.

An sonnigen Tagen tummeln sich zahlreiche Surfer an der Welle, versuchen sich in wagemutigen Sprüngen und Drehungen. Beobachtet werden sie dabei von Schaulustigen aller Altersgruppen, Einheimischen wie Touristen. Wer fällt, muss sich wieder hinten an die lange Schlange von Surfern anstellen und warten, bis er an der Reihe ist. „Die langen Wartezeiten nerven“, sagt Manuel. Deswegen komme er in der Früh vor der Arbeit hier her. Teilweise schon um 5 Uhr in der Früh mit den ersten Sonnenstrahlen. Dann ist es oft noch ruhig.

Die Bretter sind an den Rändern zum Teil schon stark mitgenommen auf Grund der Betonkanten und der Steine unterhalb der Welle. Daher sind viele mit starken Klebebändern aus Fasergewebe beklebt um kleine Risse und Löcher in den Brettern abdecken zu können. So dringt kein Wasser in das Brettinnere ein, was die Surfboards weich und noch anfälliger für Schäden werden lässt. Das steinerne Bachbett und die starke Strömung sind es auch, die das Surfen hier nicht ganz ungefährlich machen. Lange Zeit war das Surfen sogar verboten, doch seit dem Sommer 2010 kann sich ein jeder Surfer auf eigene Gefahr in die Welle stürzen und Spaß haben. Denn jetzt gehört die Welle dank eines Grundstückstausch der Stadt München und nicht mehr dem Freistaat Bayern. Das Surfverbot wurde aufgehoben und seit dem Film „Keep Surfing“ ist die Welle noch populärer geworden. Täglich pilgern zahlreiche Sportler zum Eisbach und es wird voll.

Heute ist das nicht der Fall. „Das liegt an der Welle“, erklärt mir Manuel. Scheinbar hat sich am Tag zuvor das Brett eines Anfängers verklemmt und die Rampe, die dafür sorgt, dass das Wasser sich zu einer stehenden Welle türmt, ist dabei beschädigt worden. „Daher ist auch so viel Weißwasser in der Welle“, erzählt er weiter. Jetzt sehe auch ich, dass statt einer glatten Welle das Wasser weißen Schaum wirft. Ob unter diesen Umständen die Welle gut zu surfen ist, ist fraglich. Das möchte er jetzt aber noch testen, bevor er wieder zur Arbeit zurück ins Allgäu muss. Auch ich habe noch etwas vor an diesem Montag und so verabschieden wir uns. Von der Brücke aus sehe ich ihn, wie er in den Bach springt. Das ist es, denke ich mir, die ultimative Freiheit: Vor der Arbeit noch eine Stunde surfen, den Kopf frei zu bekommen. Wo könnte das besser gehen, als am Eisbach in München?

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