Von unnützem Unwissen

Quelle: www.buecher.de

Wissen ist irgendwie in und es verkauft sich scheinbar blendend. Besonders dann, wenn es sich bei dem Wissen um irgendwelches Unwissen oder triviales Wissen handelt. Warum sonst erscheinen seit einiger Zeit diverse neue Bücher auf dem Markt, die sich anscheinend alle zum Ziel gesetzt haben, den Leser mit möglichst vielen banalen und irrwitzigen Pseudotatsachen zu einem klügeren Menschen zu machen?

Für den Autor Grund genug, sich einige dieser „Gedächtnisupgrade 2.0“- Werke mal näher anzuschauen. Das erste Werk, welches sich meines neuronal vernetzten Taubenschlages annehmen darf, heißt „Das neue Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt“ von Kathrin Passig, Aleks Scholz und Kai Schreiber.

Pseudotatsachen stehen in diesem Buch nicht zur Diskussion, zielt es doch darauf ab, den Leser auf eine abwechslungsreiche und humorvolle Reise an die Grenzen des aktuellen Wissens zu führen. So wirbt der Klappentext auch mit der Feststellung, dass viele Menschen doch meinten, die Wissenschaft würde keine echten Geheimnisse mehr bieten. Tatsächlich aber gäbe es noch etliche weiße Flecken auf der Landkarte des menschlichen Wissens. Woran die Autoren diesen grenzenlosen Wissenschaftsoptimismus bei den Menschen festmachen, bleibt freilich ihr Geheimnis.

In der scheinbar willkürlichen Zusammenstellung von Themengebieten wie „Krieg“, „außerirdisches Leben“, „Tiefseelaute“, „links/rechts“ und „Zeit“  ließ mich die Frage nach dem Sinn und der Funktion von Brüsten neugierig werden. „Was hat sich die Natur nur hierbei gedacht?“   fragen die Autoren und bemühen die Evolutionsbiologie  um die Erstellung einer Kosten- Nutzen- Rechnung, die am Ende zu einer eindeutigen wie doch ebenso enttäuschenden Antwort führt: „Gar nichts!“ Brüste hätten gar keinen besonderen Zweck, sondern seien einfach da. Nur ein paar Einträge später stoße ich als Leser auf die Frage „Warum gibt es eigentlich den weiblichen Orgasmus?“ Zugegeben, über diese Frage hat (M)an sich wirklich noch keine Gedanken gemacht und so scheint es auch nicht absonderlich, diesem Phänomen einmal auf den Grund zu gehen. Detektivisch scharfsinnig werden sofort einmal die naheliegendsten Möglichkeiten ausgeklammert. Nein es gibt ihn nicht, weil er Spaß macht und auch nicht, weil es sonst gegenüber den Männern unfair wäre.  Eine Prise – naja nennen wir es mal Humor – und eine Prise Wissenschaftlichkeit führen mir quasi das Unvollendete aller bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen vor und so gibt es auch in diesem Eintrag am Ende nur eine für meine Begriffe zu kurz gekommene Erklärung getreu dem Motto „Nimm doch einfach hin, dass es so ist und wir da nun auch nichts daran ändern können“.

Doch was will dieses Buch eigentlich sein? Eine wissenschaftliche Abhandlung oder doch eher eine Spaßlektüre? Wohl weder das eine noch das andere und so ergibt sich am Ende eine pseudowissenschaftliche Aufführung von Hypothesen und Theorien versehen mit Messmethoden und Statistiken. Wortwitz? Fehlanzeige!  Die übertriebene „ach…ähem“- Ironie der Autoren passt überhaupt nicht zu den haarspalterischen Metadiskursanalysen entlang der wissenschaftlichen Theoriebildung und Falsifizierbarkeit. Am Ende erwartet den aufmerksamen Leser kein Zuwachs von Wissen und vor allem keine Lösung der Probleme, sondern nur eine mitunter angestrengte Einführung in die Wissenschaftsgeschichte der jeweiligen Themengebiete.

„Unterhaltsam, geistreich, witzig“ urteilte die Süddeutsche Zeitung über diese Buch. Mögen der erste und der letzte Begriff für den einen oder anderen Leser noch zutreffen, kann ich die Erweiterung meines geistlichen Horizontes auch in der entlegensten Enklave noch nicht entdecken. Am Ende bleibt das „Lexikon des Unwissens“ für mich selbst nur ein unnützes Lexikon.

Erschienen ist das Buch im September 2011 im Rowohlt Verlag.

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